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Das Leben der Kolkraben

Mit Berichten von  „Jakob“  einem von Hand aufgezogenem Kolkrabenweibchen, sowie allgemeine Beobachtungen frei fliegender Raben im östlichen Teil des Ammergebirges im Landkreis Garmisch-Partenkirchen.

                

                             Jakob auf einem seiner Rundflüge

 

Die Problemvögel

So wie der Mensch des Mittelalters stets nach Verursachern des Bösen suchte, neigt auch noch mancher Jäger unserer Tage zum Frust-Schuss auf Rabenvögel. Die Legende von den Lämmer mordenden Kolkraben und Aaskrähen ist vermutlich nicht auszurotten. Sie kommt immer dann wieder mit neuem Schwung in Umlauf, wenn sich Rabenvögel über tot geborene Kälber hermachen, wie das seit Menschengedenken der Fall ist. Dass Rabenvögel sich von außergewöhnlich großen Konzentrationen von Wild und Weidevieh angezogen fühlen, wird dem Beobachter im Wildpark klar, wo sich der Rabe eine neue ökologische Nische erobert hat.
Zur "Psychose der Kolkrabenbekämpfung" haben sicherlich die gebietsweise auftretenden großen Schwärme von Jungvögeln beigetragen. Illegale Verfolgungsaktionen durch Aushorsten der Nestlinge, Fällen der Horstbäume, Aufstellen von Fangeisen oder Auslegen von Giftködern führte nachweislich zu Verlusten. Abschusslisten und Meldungen aus der Jägerschaft bezeugen vielerorts die schrittweise Ausrottung, obwohl es unbestreitbar eine neue Jagdethik gibt, die sich gegenüber der Natur verantwortlich fühlt. Als Aasverwerter üben Kolkraben im Naturhaushalt wie im natürlichen Ausleseprozess eine wichtige Funktion aus. Die Schließung von vielen Mülldeponien führte dazu, dass die Vögel sich neuen Nahrungsquellen zuwandten.
Ein gutes Wahrnehmungsvermögen, wobei dem optischen und akustischen Sinn größte Bedeutung zukommen, ist für den Raben Voraussetzung, Beute machen zu können. Weite Teile unseres Gebietes weisen noch einen nahezu ursprünglichen Landschaftscharakter auf, und das Ammergebirge stellt mit seinen großen Jagdgebieten und seiner relativ hohen Wilddichte ein ausgezeichnetes Nahrungsangebot für Kolkraben zur Verfügung. Das so genannte "Fallwild", das mit dem Abschmelzen der Lawinenkegel im Frühjahr zutage tritt, bildet eine wichtige Nahrungsbasis für die Aufzucht der Jungen. Dank ihres hervorragenden Gesichtssinnes können Raben erlegtes Wild, Kadaver oder Eingeweide (Aufbruch) aus großer Höhe orten. Sie sind alsbald zur Stelle, wenn ein Schuss abgegeben und das Wild zur Strecke gebracht wird, und es kommt vor, dass Kolkraben sich an die Beute heranmachen, bevor sie der Jäger wegbringen kann. 

Verstecken von Nahrungsstücken wird früh geübt und spielt im Verhaltensrepertoire der Kolkraben eine wichtige Rolle. Die Vögel benutzen dazu Spalten, Erdlöcher und hohle Baumstümpfe und graben Beutestücke im Schnee und auch im festgefrorenen Boden ein. Mit dem Schnabel werden Gras- und Moosbüschel ausgerissen und Löcher ausgehoben. Sie stecken die Objekte in die entstandenen Bodenvertiefungen bzw. vorhandenen Risse oder Spalten und decken sie mit Erde, Laub, Rinde, etc. zu. Spielerisch wird trainiert, was später einmal von Nutzen sein kann. Dazu gehört auch "Bespitzeln" und "Austricksen". Die Versicherung der Vogelexperten, dass Raben- oder Krähenschnäbel zum Erbeuten größerer Tiere ungeeignet sind, nützt wenig. Es ist, als ob der alte schlechte Ruf von neuen Erkenntnissen unberührt bleibt.

 

Revier und Brut

Der Kolkrabe ist der Größenrekordhalter unter den Singvögeln mit einer Flügelspannweite von über einem Meter und einem Gewicht bis zu eineinhalb Kilogramm. Der fast bussardgroße schwergewichtige Wotansvogel ist bei uns durchwegs Gebirgsvogel und benötigt ein großes Revier, das von einem Paar besetzt gehalten und verteidigt wird. Erst in den letzten Jahren breiten sich die Territorien weiter ins Vorland hinaus aus, wo Raben auf Bäumen brüten. Die Besiedlung neuer Gebiete geht von territorial werdenden Jungvögeln aus, die den Junggesellenverband verlassen und nach einer geeigneten Brutstätte Ausschau halten, die sie dann unter Einsatz aller Kräfte für sich in Anspruch nehmen. Auf der Suche nach neuen Revieren streifen Kolkraben oft weit umher und haben ganz unterschiedlich große Aktionsradien.
Zeitig im Frühjahr (oftmals schon im Winter) beginnen die Balzflüge unter Ausnutzung der Aufwinde zum Hochschrauben und Segeln. In kühnen Flugmanövern werden Purzelbäume hoch in der Luft ausgeführt (Salti vor- und rückwärts). Dabei ist der Keilschwanz gut zu sehen, der zum Steuern benutzt wird. Rabenpaare fallen durch ihre Flugspiele während der Balz besonders auf. Die Gegend um Griesen, das Gebiet der Rotmoosalm und auch andere Regionen im Werdenfelser Land sind beliebte Rendezvousplätze der heimischen Kolkraben. In der montanen und subalpinen Stufe ist die Art, dem Angebot geeigneter Felswände entsprechend, über alle Höhenstufen verteilt. Die meisten Brutnischen der Griesener Kolkraben befinden sich in einer Höhenlage zwischen 900 und 1200 m. Wetterfeste Höhlen und Nischen bieten Schutz und sind durch ihre exponierte Lage bevorzugte Nistplätze. Am Ofen bei Griesen findet seit Jahren eine Brut in einer Felshöhle statt.

  

        Der Brutfelsen am Ofen, hier brüten jedes Jahr die Griesener Kolkraben


Nestbau und Jungenaufzucht

Die Nester mit einem Durchmesser von ungefähr 50 cm werden aus Ästen und Zweigen meist unter Felsvorsprüngen angelegt. Der Unterbau besteht aus gröberen Stöckchen, die innere Schicht bildet mit zarten Reisern, Gräsern, Moos, Tierhaaren und Federn, die eingetragen werden, eine gute Isolierung. Bei der Rohbauherstellung trägt das Männchen die Hauptverantwortung. Dann tritt das Weibchen in Aktion und sorgt für eine warme Unterlage. Es legt in Abständen von ein bis zwei Tagen vier bis sechs türkisgrüne, grau- bis braungefleckte Eier und wird während der Brutzeit (etwa drei Wochen) vom Partner versorgt. Nur zum Trinken, Koten und Baden verlässt es kurzfristig das Nest. Jakob hat zum Nestbau auch kleinere Wäschestücke von Nachbars Wäscheleine „gepflückt“ und in seinem Nest verbaut. Es brauchte ab und zu schon viel Überredungskunst und etwas Kleingeld um den entstandenen Schaden wieder friedlich zu regulieren. Jakob hat bereits im 2. Lebensjahr mit dem Nestbau in unserem Holzschuppen begonnen. Durch den für die Katzen bestimmten Eingang in ca. 3 m Höhe schlüpfte Jakob in den Schuppen und baute sein kunstvolles Nest. Das Nistmaterial holte sie sich in der freien Wildbahn. Die teilweise bis zu 50 cm langen Äste hat sie beim Anflug so geschickt nach vorne platziert, dass sie durch das enge Loch in den Schuppen kam. Nach Fertigstellung des umfangreichen Nestes legte sie vier Eier und begann zu brüten. Nach ca. 4 Wochen habe ich dann die unbefruchteten Eier entfernt und versucht Jakob beizubringen, dass dies mit den Jungen so nichts wird. Die beiden folgenden Jahre war es immer das gleiche, zeitig im März begann unser „Jakob“ mit dem Nestbau. Im Frühjahr 2005 nach der Brutsaison habe ich von einem Falkner einen männlichen, 4 Jahre alten, Raben bekommen, der allerdings nicht handzahm war. Anfangs wohnte er in einer Nachbarvoliere um sich an die neue Umgebung und an Jakob zu gewöhnen. Nach ca. 2 Monaten habe ich den Versuch gestartet und beide Raben zusammen gelassen. Es ging von Anfang an gut, ein wenig Streitereien aber ansonsten waren sie sich wohlgesonnen. Interessant ist das Verhalten von Jakob, er war auf mich bezogen und flog auch nach wie vor mit mir mit. Bei meinen Spaziergängen in den Wäldern rund um Griesen war Jakob immer dabei. Aber auch mit seinem neuen Partner „seiner Gattung“ hat er sich in der Voliere angefreundet. Eine Verhaltensweise die bis dahin kaum erforscht wurde. Wie gespannt ich im Frühjahr 2006 war, ob das aus sieben Eiern bestehende Gelege befruchtet war, kann sich jeder vorstellen. Wie man auf den Bildern unschwer erkennen kann hat sich „meine Rabendame“ mit ihresgleichen gut verstanden. Fünf Jungvögel sind ab 7. April im Abstand von zwei Tagen geschlüpft. Ein Jungvogel ist bald nach dem Schlupf noch eingegangen. Drei Jungvögel habe ich im Alter von ca. 3 Wochen an interessierte Falkner abgeben können. Einer lebt in Bern in der Schweiz und freut sich bester Gesundheit, die beiden anderen leben in der Nähe von Wien und in Würzburg. Anfragen nach nestjungen Kolkraben kamen aus dem gesamten europäischen Raum. Ich war anscheinend einer der wenigen Züchter, die im Jahr 2006 erfolgreich mit Kolkrabennachwuchs gesegnet war. Leider wurde meine ganze Hoffnung auf ein weiteres erfolgreiches Zusammenleben mit meinen Raben im Juni 2006 zerstört. Ein Fuchs hatte sich unter der Voliere hindurch gegraben und mein Rabenmännchen und den verbliebenen Jungvogel mitgenommen. Jakob saß ganz verstört in seinem Nest und hat sich von dem Schock nicht mehr erholt. Er bekam eine Art Schimmelbefall im Schnabelbereich. Der Tierarzt meinte, das komme von der Stresssituation der er ausgesetzt war. Vier Wochen später ist er an „Gram“ gestorben, er lag tot in seiner Voliere. Was in mir vorging kann sich jeder denken der ein geliebtes Tier verliert das einem an´s Herz gewachsen war.

               

                    Jakob beim Füttern seiner Jungen

Rangordnung und Imponierverhalten

Wie die Kinder Ordnung und Tabus für ihre Erziehung brauchen, dient die Rangordnung der Rabenvögel einem stabilen Beziehungssystem, das nach der Methode des Erfahrens brauchbarer und bewährter Situationen funktioniert. Der Grundstein für eine spätere Rangordnung wird bei Kolkraben schon früh gelegt. Die Auseinandersetzungen der Halbwüchsigen sind meist mit enormem Geschrei verbunden. Drohlaute und Gesten dienen oft nur der Einschüchterung des Gegners und möglicherweise dazu, seine Drohungen zu übertönen. Derjenige in der Gruppe, der "Rang und Namen" hat, ist in seiner Gesellschaft obenauf, und so ist es sinnvoll, sich nach oben hochzurangeln. Durch Rangordnungskämpfe kommen die kräftigsten - vielleicht auch die klügsten Tiere in der Schar - zu Spitzenpositionen und übernehmen die Führung.
Jungraben sind gesellig und bleiben zunächst als Geschwistergemeinschaft zusammen. Meist im Spätherbst schließen sie sich einem Jungvogelverband an, machen gemeinsame Streifzüge, fressen und nächtigen auch in der Gruppe. Das Baden und die anschließende Gefiederpflege wirken ansteckend. Auch das Sonnen- und Schneebad sind beliebt. Dabei bilden sich kleine Untergruppen und Spielbünde. "Eine gute Möglichkeit, die eigene Position der Umwelt bekannt zu geben, besteht für viele Tiere darin, sich gegenüber Artgenossen besonders auffällig zu verhalten". Kolkraben ziehen beim Imponieren blitzschnell die schneeweiße Nickhaut vor das Auge, in aggressiver Stimmung treten so genannte "Federohren" (aufgestellte Haarbüschel am Kopf) auf, die nach Lorenz (1939) eine Kriegserklärung bedeuten und die Angriffslust zeigen.
Das Abspreizen des Kopf- und Halsgefieders lässt den imponierenden Raben größer und damit für rivalisierende Artgenossen furchteinflößender erscheinen. Das Kleinmachen durch Niederducken oder das Einnehmen einer dem Jungvogel ähnlichen Bettelstellung erlaubt hingegen eine Annäherung. Macht sich der Rabe dünn, so gilt es als ein Zeichen höchster Erregung. Das eng anliegende Federkleid drückt Wut und Angst aus. So kann aus der Gefiederstellung Imponiergehabe, Angriffslust oder defensive Haltung abgeleitet werden. Der "Dickkopf", die "Halskrause" oder die "Pluderhose" unterstreichen optisch recht eindrucksvoll den imponierenden - oft lautstark rufenden - Raben, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenkt.
Aggressive Verhaltensformen geben Aufschluss über die sozialen Beziehungen der Gruppenmitglieder zueinander. Der Artgenosse wird optisch und akustisch gewarnt, Abstand zu halten, weil sich ein Ranghoher gerade seinen Anteil holt. In freier Wildbahn sieht man, wie Raben sich mit Bussarden, Adlern oder Füchsen anlegen, im Wildpark ins Gehege der Wölfe oder Luchse eindringen und dabei Kopf und Kragen riskieren. Diese ausgeprägte Tendenz, mit der Gefahr zu spielen, mag das Ergebnis einer uralten Evolutionsgeschichte mit Karnivoren (Räubern) sein - und wie beim Menschen - zeigt sich diese natürliche Neigung vor allem in jungen Jahren.

In freier Wildbahn schlüpft ein Großteil der Jungvögel bei uns Anfang bis Mitte April, sofern die Winterkälte nicht anhält und für Ausfälle sorgt. Die Jungen bleiben dann noch etwa vierzig Tage im Nest und werden auch nach dem Flüggewerden von beiden Eltern gefüttert. Während der Aufzuchtsphase schleppen die Alten im Schnabel und im stark dehnbaren Kehlsack Futter herbei, welches dann - in der Regel stark eingespeichelt - verabreicht wird. Die Erschütterung am Nestrand durch den ankommenden Altvogel löst das Sperren der Jungen aus. Die rote Schnabelinnenseite, das kontrastreiche Bild von Rachenfarbe und Schnabelwulst, regt zum Füttern an. Bei intensiver Sonnenbestrahlung tränken und benetzen die Eltern ihre Nestlinge. Alle Verunreinigungen entfernt der Altvogel aus der Nestmulde, er hudert die Jungen (=nimmt sie unter die Fittiche) und hilft ihnen so, die oftmals kalten Frühlingstage zu überstehen. Meist ist es das Weibchen, das die Kleinen unter ihren Flügeldecken wärmt.

Die Notwendigkeit von kooperativer Brutpflege durch die Eltern kann ein Grund für die Monogamie der Kolkraben sein. Vermutlich sind auch die großen hart umkämpften Nahrungsterritorien, die gegen die Konkurrenz verteidigt werden müssen, ohne einen starken Partner nicht zu halten. "Rabeneltern" leben jedenfalls in Harmonie mit der Umwelt und halten ein Leben lang zueinander. Sie begegnen der Natur mit Erfindungsreichtum und zeigen uns, dass es möglich ist, über alle Schicksalsschläge hinweg zu seinem Partner zu stehen. Als soziale Geschöpfe mit einem ausgeprägten Familiensinn umsorgen sie ihren Nachwuchs mit Hingabe - von "Rabeneltern" also keine Spur.

                    

Jakob zu Besuch am Balkon, vor unserer Katze Nero hatte er zu keiner Zeit Angst. Auch den Habicht hat Jakob ab und zu verfolgt und in die Flucht geschlagen. Umgekehrt ist es aber auch vorgekommen, da musste Jakob die Flucht ergreifen, aber Angst hatte ich keine um ihn, er konnte sich eigentlich gekonnt zur Wehr setzen. Den Bussard und einmal einen Graureiher hat er immer in die Flucht geschlagen, zumindest in „seinem Revier“ rund um die Ortschaft Griesen. 

 

Neugier und Spiel

Alle Rabenvögel sind neugierig - es ist ihr Markenzeichen. Man fragt sich, ob das die entscheidende Eigenschaft war, die ihre Verbreitung und Vielfalt bewirkte. Gewiss, Neugier kann gefährlich sein, aber sie ist auch adaptiv, vorausgesetzt sie wird durch ein gutes Urteilsvermögen abgefedert. Natürlich kann dieses ungebremste Erkundungsverhalten (vor allem bei handzahmen Tieren) auch zum Ärgernis für die betroffenen Menschen werden.
Durch Spiel und Neugier werden Nahrungsquellen ausfindig gemacht, selbst die Bekanntschaft mit Beutetieren und Räubern ist zunächst Spiel. So ist es nicht sehr verwunderlich, dass junge Rabenvögel sich oft auf ein gefährliches Abenteuer einlassen, um die Grenzen auszutesten. Ich habe meinen Raben beobachtet, wie er sich tollkühn gegenüber Habicht, Bussard oder Hunden verhielt. Der zahme Rabe versuchte immer wieder, Katzen und Hunde zu belästigen, Gänse und Hühner am Schwanz zu ziehen oder mit Kindern anzubandeln. Die "Opfer" bestärkten seine Experimentierfreudigkeit durch ihr Fluchtverhalten. Raben sind überdies dafür berüchtigt, nachtragend zu sein, und es ist erwiesen, dass die Vögel Antipathien gegen bestimmte Personen und Tiere hegen können und diesen aggressiv begegnen.
Durch spielerisches Handeln wird der schöpferische Geist gefördert, ohne Spielen gibt es bei Mensch und Tier keine Kreativität. Im Spiel lassen sich verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, auf die später im Bedarfsfall zurückgegriffen werden kann. Da Jungraben vieles lernen müssen, was offenbar nur unpräzise vorgeprägt ist, haben sie anscheinend nur ein sehr undeutliches Bild von dem, was ein gefährliches Objekt ist. Die Eltern warnen ihren Nachwuchs durch ihr Fluchtverhalten vor drohendem Unheil. Durch das Spiel mit Objekten erkennen die Vögel, welche Dinge fressbar, sind. Das "Zerstörspiel" ist in Rabenkreisen besonders beliebt, und der junge Krächzer scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als sämtliche greifbaren Utensilien zu zerlegen, zu zerhacken oder irgendwie auf den Kopf zu stellen, sofern das "Objekt seiner Begierde" nicht fressbar ist. Das Werk ist vollbracht, wenn das Spielzeug in Trümmern liegt. Es darf kein Stein auf dem anderen bleiben. Dann erst verlässt der Vogel die Stätte der Verwüstung mit einer gewissen Befriedigung, wie es scheint.
Wilde Jungraben vertreiben sich die Zeit mit Jagd und Spiel aller Art. Mit zunehmender Tageserwärmung stillen sie ihren Bewegungsdrang beim Segeln und "Abfangen". Im Jungendverband lernen sie Freund und Feind kennen. Jungvögel verblüffen mit Verhaltensweisen, wie wir sie bei Menschenkindern kennen. Im Winter spielen Raben ausgelassen im Neuschnee, rollen sich auf den Rücken, und buddeln sich ein. Sie lassen sogar Schneebälle, die sie im Schnabel mittragen, auf Artgenossen fallen. Vielleicht hat es den Anschein, dass ich durch die starke Bindung an "meine Vögel" ihnen menschliche Motive unterschieben möchte. Aber wer einmal zugeschaut hat, wie sie Loopings drehen, den Felgeaufschwung beherrschen, kopfunter an einem Bein hängen, an einer Leine baumeln oder den Schneehügel hinunterkugeln, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie Spaß am Spiel haben und dabei noch eine ganze Menge fürs Leben lernen.

Unser Jakob war auch ein großer Stimmenimitator, er konnte das „Meckern“ der Ziegen genauso wie das Krähen des Gockels oder das Miauen der Katzen perfekt nachahmen. So mancher Spaziergänger hat sich zuerst gewundert und dann köstlich amüsiert als er die „Ziege“ von einer 30 m hohen Fichte hörte.
Es war eine schöne Zeit mit unserem "Jakob", leider hat das Schicksal es nicht gewollt, dass ich in dieser (Dreier) Beziehung weitere Verhaltensmuster erforschen und dokumentieren konnte.  


                   

"Wenn der große Vogel hoch droben am Himmel seine Flügel einzieht, in sausendem Fall herunterstürzt, mit kurzem Aufbrausen abbremst und in schwereloser Zartheit auf meiner Schulter landet, so wiegt dies sämtliche zerrissenen Zeitungen, zerbrochene Gläser und anderen Schaden wieder auf, die Jakob auf dem Gewissen hat."..."   (ursprünglich von Konrad Lorenz)

           Hier im Friedergries vergesse ich all meine Sorgen und der
                          Friede der Natur umgibt meine Seele

 

alle Fotos von Wolfgang Hagen

mit freundlicher Genehmigung auszugsweise einem Bericht von Frau Dr. Drack für die Wildvogelhilfe entnommen.

Literatur: Cube, F. von 1988, Drack G. 1994, Estes, C.P 1966, Hagen W. 1991, Havelka, P&K 1990, Heinrich B. 1989, Kilham L. 1989, König o. 1971, Lantermann W. 1990, Lieckfeld C&P 2002, Lorenz K. 1939, Rahmann H, Schmidt G.A.J 1957 Trathnigg G. 1956;